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Eine Mutter für Viele - Interview
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Die Stadtteilmutter Senayet Dessalegen berichtet über ihre Arbeit in der Gropiusstadt Bereits seit knapp vier Jahren sind die Neuköllner Stadtteilmütter nun im Einsatz, bekamen Preise und waren sehr oft in der Presse. Doch was sie genau tun, ist manchen Bewohnerinnen und Bewohnern noch immer nicht ganz klar. Frau Dessalegen, die Stadtteilmutter der „ersten Generation“ ist, klärt auf:
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Stadtteilmutter Senayet Dessalegn unterwegs in der Gropiusstadt

Senayet Dessalegn:
Als ich Kinderbetreuerin war im ehemaligen Nachbarschaftstreff wo der Lidl jetzt ist , hatte ich von der Möglichkeit gehört, sich als Stadtteilmutter ausbilden zu lassen. Das fand ich interessant und habe dann erstmal einen sechsmonatigen Qualifizierungskurs besucht. Wir lernten viel über Kindererziehung, Gesundheit, Ernährung, den Umgang mit Medien, über zweisprachige Erziehung – eben alles, was für Familien wichtig ist. 

QM: Wie finden Sie die Familien, die Unterstützung brauchen? 

Senayet Dessalegn:
Das ist nicht so einfach. Meine Kolleginnen und ich stellen uns vor Schulen und Kitas, um dort Eltern anzusprechen. Und wir gehen ins Frauencafé oder in die Elterncafés der Schulen. Da ist es einfacher, mit Müttern in Kontakt zu kommen und unsere Arbeit vorzustellen. Manche sind etwas zurückhaltend, wenn sie erfahren, dass wir sie gerne zu Hause beraten möchten, sie wollen ihre Privatsphäre nicht preisgeben. Aber wenn sie Vertrauen gefasst haben, ist es kein Problem mehr. Wenn wir dann eine Mutter gefunden haben, die unsere Beratung braucht, erzählt diese wiederum ihren Freundinnen oder Verwandten davon – und so trägt es sich weiter. 

QM: Wir läuft es ab, wenn Sie eine Familie besuchen? 

Senayet Dessalegn:
Zuerst stelle ich mich, dann die zehn Themen vor, für die wir Hilfe und Beratung anbieten. Zum Beispiel zum deutschen Schulsystem. Damit sind viele Migranten überfordert, und auch ich habe in meinem Qualifizierungskurs eine Menge Neues darüber gelernt (lacht).

Es geht oft um schulische Probleme bei den Kindern. Diese machen ihre Hausaufgaben nicht, weil ihnen die Eltern nicht helfen. Die wiederum können nicht helfen, da sie selber oftmals Analphabeten sind. Wir versuchen die Eltern zu motivieren, dass sie lesen und schreiben lernen. Überhaupt sagen wir immer wieder, dass Bildung das allerwichtigste ist, um eine Perspektive zu haben. Auch bei Schwierigkeiten zwischen Eltern und Lehrern versuchen wir zu vermitteln und regen Mütter und Väter an, auch die Elternabende zu besuchen. Natürlich sprechen wir auch oft über Schwierigkeiten, die es in der Familie gibt: Zum Beispiel Spielsucht bei Männern ist ein Problem, was uns immer wieder begegnet. Die Frauen leiden sehr darunter.

Leider sind die Männer manchmal sehr misstrauisch mir gegenüber, und sie sagen „du öffnest meiner Frau die Augen, das will ich nicht“! Aber es gibt natürlich auch andere Beispiele: In einer streng gläubigen muslimischen Familie, die ich zurzeit betreue, ist der Mann sehr interessiert und aufgeschlossen und ist bei den Gesprächen dabei. Was ich auch erfahren habe ist, dass viele Familien nicht wissen, wo sie bestimmte Informationen oder Hilfe bekommen. Das kann ich ihnen sagen.  

QM: Was ist Voraussetzung für Ihre Arbeit?

Senayet Dessalegn:
Man muss auf Menschen zugehen können, offen sein und verschwiegen, denn das, was man von den Familien erfährt, ist ja sehr persönlich. Man muss bereit sein, von anderen Menschen und von anderen Kulturen zu lernen. Und man darf keine Vorurteile haben, aber sollte mit Vorurteilen umgehen können. Wobei ich sagen muss, dass türkische oder arabische Leute mir gegenüber nie komisch waren, obwohl ich aus Afrika stamme.

QM: Ihr Einsatz als Stadtteilmutter ist im Oktober zu Ende. Was hat die Arbeit Ihnen gebracht?

Senayet Dessalegn:
Ich bin sehr viel selbstbewusster geworden, habe sehr viel gelernt. Auch, den Menschen zu sehen und nicht „die Türkin, die Araberin oder die Russin“. Und ich habe Freundinnen gefunden. Wir waren alle sehr, sehr motiviert und hoffen, dass es irgendwie für uns weitergeht, denn wir haben wichtige und gute Erfahrungen gesammelt, die wir gut nutzen können. 

QM: Was wünschen Sie sich für die „nächste Generation“ von Stadtteilmüttern, deren Qualifizierungskurs im April startet?

Senayet Dessalegn:
Auf jeden Fall wäre es hilfreich, wenn die Stadtteilmütter zu zweit in die Familien gingen, einerseits als Schutz - man weiß ja nie, was einen in der Wohnung erwartet -  andererseits um sich besser austauschen zu können und die Fälle zu besprechen. In dem Zusammenhang wäre eine Supervision auch hilfreich, da es doch Familiengeschichten gibt, die sehr betroffen machen und einen selbst psychisch belasten. Dann gab es bei Stadtteilmüttern unter den einzelnen Herkunftsgruppen manchmal Missverständnisse, die auf Vorurteilen beruhen. Da wäre es gut gewesen, wenn moderierte Gespräche stattgefunden hätten.

QM: Was war ihr schönstes Erlebnis bisher als Stadtteilmutter?

Senayet Dessalegn:
(strahlt) Oh, das erzähle ich gerne: Ich habe ein Paar, das sich scheiden lassen wollte, wieder zusammengebracht. Ich hatte es geschafft, dass die beiden nochmals miteinander reden – im Beisein mit mir. Nach dem Gespräch hat der Mann erst seine Frau, dann mich umarmt und sich bei mir bedankt. Da kommen mir jetzt noch die Tränen…. 

Frau Dessalegen, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Kolleginnen für die Zukunft alle Gute!

Selma Tuzlali
QM-Team







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Mi 19.12. ab 13 Uhr
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Eugen-Bolz-Kehre 12 12351 Berlin
Anmeldung bis zum 6.12. unter 30 36 14 12

Do. 20.12. 18 Uhr
Adventssingen mit den Kirchen und christlichen Chören der Gropiusstadt
Gropius-Passagen/ Atrium
Veranstaltet von der Evangelischen Kirche in der Gropiusstadt, Dreieinigkeit und der kath. Kirche St. Dominicus

Sa 24.12.  15 Uhr
Krippenspiel
Kirchengem. St. Dominicus
Lipschitzallee 74